Eine kurze Geschichte über die Musik im argentinischen Tango

 

Von Villoldo zu Peralta!

Musik, die Sehnsucht nach etwas ausdrückt, nach Heimat, Liebe, Sinn, die helfen soll, die Schwere des Lebens zu ertragen, trägt eine besondere Kraft in sich.

Einzigartig jedoch ist ein Musikgenre, das Menschen weltweit in seinen Bann zieht und tief in der Kultur und dem täglichen Leben der Menschen verwurzelt ist, wo es entstanden ist.

Rio de la Plata
Ángel Villoldo (1861-1919)

Ángel Villoldo (1861-1919)

Inmigrantes europeos llegando a Argentina

European migrants arriving in Argentina

©Christian Xell aka Don Xello, Juni 2024

Entstanden im Gebiet des Río de la Plata (Argentinien, Uruguay) entstand eine besondere Situation. Riesige Migrantenströme, großteils Männer, trafen auf ein riesiges Land, das in weiten Strecken spärlich besiedelt war, im Ballungsraum Buenos Aires jedoch das genaue Gegenteil, vor allem in den südlichen Bezirken.

Wir befinden uns am Ende des 19. Jahrhunderts, und das, was wir heute Tango nennen, nahm erstmals musikalische Formen an. Diese Entwicklung geschah nicht einfach so, sondern entstand aus vielen Wurzeln, wie zum Beispiel dem von den schwarzen (freigelassenen Sklaven) Einwohnern kultivierten Candombé, einem intensiven Trommelrhythmus, und den Payadores, umherziehenden Troubadouren, die traditionelle Lieder, oft auch im Duett (Contrapunto), vortrugen. Der berühmteste Payador war Gabino Ezeiza, ein Schwarzer. Erwähnenswert ist auch die Tatsache, dass der erste Tango, der mit Partitur veröffentlicht wurde, ebenfalls von einem Schwarzen komponiert wurde: Rosendo Mendizábal mit "El Entrerriano" im Jahr 1898. Ein weiterer wichtiger Einfluss war die Habanera, die durch die Oper Carmen weltberühmt wurde, und deren charakteristischer Rhythmus wesentlich zur Entwicklung der Tangomusik beigetragen hat.

Die Sehnsucht nach der aufgegebenen Freiheit der Gauchos, für immer in den beiden Klassikern "El Martín Fierro" und "La vuelta de Martín Fierro" von José Hernández verewigt, nährte das Selbstverständnis der männlichen Tangoprotagonisten. Ein weiterer Einfluss sind die Musiktraditionen, die von den Einwanderern aus Italien und Spanien mitgebracht wurden und ihren Weg in den Tango fanden.

Anfänglich instrumental, änderte sich dies bald, und die Texte im Tango - las letras - entwickelten sich zu einer eigenständigen Kunstform. Namen wie Homero Manzi, Enrique Santos Discépolo, Alfredo Le Pera, Cátulo Castillo, Homero Expósito und Celedonio Flores seien hier neben vielen anderen erwähnt.

Die Instrumente des frühen Tangos waren hauptsächlich die Gitarre und die Flöte, manchmal auch die Geige. Das für den Tango charakteristische Bandoneon kam erst später hinzu. Ein entscheidender Beitrag kam von Roberto Firpo, der das Klavier in den Tango brachte und es zu einem festen Bestandteil der Tango-Orchester machte.

Parallel dazu entwickelte sich auch der Tanz, und zwar als Paartanz, was beim Candombé nicht der Fall war, der alleine getanzt wurde. In den ersten Dekaden des 20. Jahrhunderts fand der Tango nicht nur in Europa, vor allem in Paris, sondern weltweit begeisterte Anhänger.

Namen aus dieser Frühzeit sind Carlos Gardel, Angel Villoldo, Vicente Greco, Juan Maglio Pacho, Alfredo Gobbi (Vater des berühmten Geigers) und Roberto Firpo. Die bekanntesten Tangos aus dieser Frühphase sind "El Choclo", "Mi noche triste" (das Gardel berühmt machte), "El Entrerriano" und natürlich "La Cumparsita", der wohl meist eingespielte Tango aller Zeiten.

Zu dieser Zeit wurden die ersten Schellackaufnahmen gemacht. "El Choclo" wurde im Jahr 1907 von der Sängerin Aida Lafuente beim Label Victor aufgenommen und Francisco Canaro nahm seinen ersten Tango "Pinta brava" im Jahr 1912 auf.

In den 1920er Jahren begann der endgültige Siegeszug des Tangos. Orchester tourten durch Europa und Nordamerika, Gardel wurde zu einem weltweiten Superstar und dank der immer besser werdenden Aufnahmetechnik stehen uns seit dieser Zeit praktisch alle Aufnahmen zur Verfügung. Die berühmte Goldene Ära des Tangos begann und sollte bis in die 1950er Jahre reichen.

Cantares criollos, Gabino Ezeiza, Payador

Komplexere Kompositionstechniken und damit anspruchsvollere Tangos entstanden, Roberto Firpo und Julio de Caro dürfen hier nicht unerwähnt bleiben.

Neben diesen beiden waren Francisco Canaro, Osvaldo Fresedo, Francisco Lomuto, Juan D’Arienzo, Carlos Di Sarli uvm bereits in dieser Frühphase der Goldenen Ära aktiv.

Firpo wird übrigens zugeschrieben, das Piano endgültig als fixes Instrument in einem Tangoorchester etabliert zu haben. Und viele berühmte Tangoorchesterleiter waren Pianisten, wie zB Carlos Di Sarli, Osvaldo Pugliese, Lucio Demare, Horacio Salgán uvm.

Ein weiterer Star dieser Zeit war Ignacio Corsini, der als Sänger und Komponist v.a. in den 1920er Jahren Berühmheit erlangte.

Pedro Laurenz darf nicht unerwähnt bleiben, begann bei Lomuto und De Caro, nahm dann mit Pedro Maffia auf und gründete später sein eigenes “Orquesta Típica” wovon die ersten Aufnahmen 1937 bei Victor entstanden (später wechselte er zu Odeon).

In den 1930er Jahren etablierten sich viele der heute auf den Milongas weltweit gespielten Orchester. Neben der bereits erwähnten seien Edgardo Donato, Rodolfo Biagi, Anibal Troilo und Miguel Caló zu nennen.

Der wohl wichtigste Tangomusiker in den 1930er Jahren ist jedoch zweifelsohne Juan D’Arienzo. Seine zwischen 1935 und 1939 116 eingespielten Stücke (Tango, Vals, Milonga sowie 2 Polkas) waren für das Genre ein weiterer Meilenstein, die Lebendigkeit, die Tanzbarkeit, die Virtuosität waren unerreichbar bis dahin.

Die 1940er Jahre – hauptsächlich bis 1945 – stellten den nächsten Höhepunkt der Entwicklung dar, während Argentinien eine Zeit politischer Instabilität und Veränderung durchlebte. Juan D’Arienzo blieb ein Superstar, Carlos Di Sarli spielte sich sowohl mit seinen Instrumentalstücken als auch mit seinen Sängern Roberto Rufino und Alberto Podestá endgültig zum Superstar und die 1940er Jahre brachten weitere Ikonen des Tangos hervor.

Aníbal Troilo, neben Pedro Laurenz  d e r  Bandeonist,  wurde mit seinem Orchester der Liebling der Argentinier über viele Jahrzehnte, sein charismatischer Sänger Francisco Fiorentino definierte den Gesang im Tango neu. Astor Piazzolla begann bei Troilo als Bandoneonspieler und begann ab 1946 den Tango zu revolutionieren wie es nur ein anderer schaffte, der für viele die herausragende Figur im Tango Argentino war.

Die Rede ist von Osvaldo Pugliese, oder wie viele ihn nennen: San Pugliese
Sein eigenes Orchester gründete Pugliese bereits 1939, aber wir können die ersten Aufnahmen erst seit 1943 genießen. Der Grund war ein Streik von 1941-1943 dem sich viele anschlossen und Pugliese als sehr politischer Mensch und aktives Mitglied der kommunistischen Partei, nahm daran teil.
Pugliese trat bis ins hohe Alter auf und seine Musik nimmt innerhalb des Tango Argentino eine besondere Rolle ein.

Es gab zahlreiche Orchester im Laufe der Tangogeschichte, einige blieben bis heute bekannt und beliebt, von anderen werden nur wenige Stücke gespielt und viele sind fast völlig vergessen, wie zB Francisco Lauro, Manuel Buzon, Juan Sanchez Gorio, Juan Cambareri uvm.
Neben Pugliese muss natürlich Astor Piazzolla erwähnt werden, der den sog. “Tango Nuevo” begründete, der anfänglich v.a. in Argentinien selbst auf massive Ablehnung stieß. Neben Libertango und Adios Nonino, zählt die Tangooper “Maria de Buenos Aires” zu den bekanntesten Werken Piazzollas. Das Libretto zu dieser Oper schrieb Horacio Ferrer.

Sound Sample, María De Buenos Aires!

In unserer Zeit für die 2020er Jahre sind für den Autor dieser Zeilen v.a. 2 Musiker besonders zu erwähnen.

Julian Peralta, der 2001 Gründungsmitglied von Orquesta Típica Fernández Fierro war, das für seinen avantgardistischen Stil und seine Live Auftritte bekannt wurde. Nach der Trennung gründete Peralta die Tangoformation Astillero, die bis zum heutigen Tage aktiv sind.

Der zweite ist Agustín Guerrero (nicht verwandt mit dem gleichnamigen Tangomusiker, der zB El Once geschrieben hat), ein junger Komponist und Pianist wie Peralta.

 

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